In Isolation mit dem Peiniger

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Regierungen auf der ganzen Welt rufen im Zuge der Corona-Pandemie zu häuslicher Isolation auf. Frauenrechtler*innen warnen indessen vor den Folgen für Opfer häuslicher Gewalt.

Geschäfte geschlossen, Homeoffice und Ausgangssperren: Überall befinden sich zur Zeit Länder im Lockdown, um eine weitere Verbreitung des Coronavirus zu verhindern. Zuhause bleiben lautet das Gebot der Stunde. Für zahlreiche Familien spielt sich das Leben nur noch innerhalb der eigenen vier Wände ab. Was für viele eine lang ersehnte Entschleunigung darstellen mag, kann lebensbedrohliche Folgen für Opfer von häuslicher Gewalt haben.

Der Weltgesundheitsorganisation zufolge wird jede dritte Frau im Laufe ihres Lebens Opfer physischer oder sexueller Gewalt. Gewalt innerhalb von Beziehungen ist die am weitesten verbreitete Form von Gewalt gegen Frauen, rund 30 Prozent aller Frauen weltweit sind davon betroffen. Das heißt: Nirgendwo sonst sind Frauen so großer Gefahr ausgesetzt wie in ihrem eigenen Zuhause. In 70 Prozent der Fälle, in denen Frauen Gewalt durch die eigenen Ehemänner oder Lebensgefährten erleben, werden auch ihre Kinder misshandelt.

Massive Belastung

Expert*innen und Frauenschutzeinrichtungen gehen davon aus, dass die Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus eine Zunahme von häuslicher Gewalt zur Folge haben werden, vor allem wenn die Ausgangsbeschränkungen über einen langen Zeitraum in Kraft bleiben. Diese Befürchtungen sind keineswegs unbegründet: Berichte aus China, das die erste Corona-Welle bereits hinter sich hat, zeigen einen deutlichen Anstieg von Gewalttaten durch Ehemänner und Väter.

Die derzeitige Situation stellt für viele Familien eine massive Belastung dar: Soziale Kontakte sollen auf ein Minimum reduziert werden, die Bewegungsfreiheit ist stark eingeschränkt, viele haben Angst um ihre Gesundheit, sowie Sorge um ihren Arbeitsplatz und um ihre Existenz. Das Konfliktpotenzial steigt dadurch enorm, die Überforderung und Unsicherheit kann Aggressionen schüren, die vor allem für Frauen und Kinder gefährlich sind. Insbesondere bei Familien, die auf engstem Raum zusammenleben, ist ein Anstieg von Gewalttaten zu erwarten – wie er sich auch an Feiertagen beobachten lässt. Erschwerend kommt hinzu, dass für viele Männer zur Zeit der Ausgleich wegfällt, der sie normalerweise entspannt, beispielsweise das Dampfablassen im Fitnessstudio.

Für Frauen und Kinder, die häusliche Gewalt erleben, bedeutet das: Eingesperrt sein mit Familienmitgliedern, die sie misshandeln, ohne Zugang zu Menschen oder Ressourcen, die ihnen helfen könnten. Tätigkeiten, die normalerweise ein Entkommen oder einen Ausgleich zur Belastung zuhause darstellen, wie Freunde treffen, Schule oder Arbeit, sind nicht mehr möglich. Zusätzlich dazu wird Opfern der Zugang zu Unterstützungsangeboten, wie Therapie, und in vielen Ländern aufgrund überlasteter Gesundheitssysteme auch zu medizinischer Versorgung, erschwert.

Die Situation in Österreich

Bisher sei es in Österreich nicht zu einem Anstieg von Anzeigen aufgrund häuslicher Gewalt gekommen, so Frauenministerin Susanne Raab (ÖVP). Allzu viel darüber, was hinter verschlossenen Türen wirklich passiert, sagt dies jedoch nicht aus, da nur wenige Frauen, die Gewalt erleiden darüber sprechen oder die Tat anzeigen. Opfer schweigen oft jahrelang aus Scham, suchen die Schuld bei sich selbst oder scheuen aus Angst, dadurch noch stärkerer Gewalt ausgesetzt zu sein, vor einer Anzeige zurück. Die Regierung betont, sie sei auf einen möglichen Anstieg der häuslichen Gewalt in jedem Fall vorbereitet: Die 24-Stunden-Frauenhelpline, der vor einigen Wochen wegen fehlender Mittel noch das Aus drohte, wurde finanziell und personell aufgestockt, die Onlineberatung für von Gewalt bedrohte Frauen ausgebaut und Informationsbroschüren zum Gewaltschutz in Supermärkten aufgelegt. Auch in Zeiten von Ausgangssperren und Isolation soll die Wegweisungsregelung weiterhin gelten: Polizist*innen werden gewalttätige Männer nach wie vor der gemeinsamen Wohnung verweisen.

In Frauenhäusern soll es vorerst noch nicht zu einem Aufnahmestopp kommen, man geht dort aber davon aus, dass sich die Häuser während der Krise sehr schnell füllen werden. Frauenhäuser und Expert*innen fordern deshalb Ausweichquartiere für von Gewalt betroffene Frauen, beispielsweise in leerstehenden Hotels. Nicht nur in Zeiten der Krise sei jedoch ein Ausbau der Opferschutzeinrichtungen und adäquate finanzielle Mittel für Frauenhäuser notwendig, die ohnehin schon häufig an ihrer Kapazitätsgrenze arbeiten. Einrichtungen, die für Opfer häuslicher Gewalt lebensrettend sein können, sollten auch nach Corona noch auf eine stabile politische und finanzielle Absicherung zählen können.


Weitere Infos

Falls Sie oder jemand den Sie kennen von häuslicher Gewalt betroffen ist, können sie unter 0800222555 die Frauenhelpline erreichen.

 

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