Wie das Homeoffice die Arbeitswelt verändert

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Probieren geht über Studieren; zu seinem Glück zwingen; ins kalte Wasser springen; was der Bauer nicht kennt, mag er nicht. Die Sprache ist voll von Redensarten, die in irgendeiner Form das menschliche Beharren auf Gewohntem bemühen. Diese grundhumane Eigenschaft ist auch an sich nichts Schlechtes. Denn warum ändern, was eh funktioniert? Aber manchmal ist halt auch die Alternative nicht so schlecht.

So ist es auch beim Homeoffice. Ohne staatlich verordneten Lockdown wären wohl nie so viele Menschen von heute auf morgen zum Arbeiten in die eigenen vier Wände übersiedelt. Konferenz im Pyjama und mit Kleinkind auf dem Schoß? Nicht ideal, aber es funktioniert. Ist das Kleinkind anderweitig beschäftigt, funktioniert das Ganze sogar ziemlich gut. Und wenn man noch dazu den Luxus eines eigenen Büros zuhause hat, funktioniert es sogar bestens, wie viele Menschen in Österreich und aller Welt zuletzt herausgefunden haben.

Neue Normalität

Es nimmt kaum wunder, dass manchem so langsam dämmert: Homeoffice dürfte ein Teil der viel beschworenen neuen Normalität bleiben. Aus einigen Branchen hört man bereits, dass Firmen überlegen, deshalb die Büroflächen zu verkleinern – das spart Miete. Klar ist aber auch: Viele Leute wollen ihren Arbeitsplatz im Büro nicht für immer räumen. Ein bisschen sozialer Austausch gehört zum Arbeitsleben auch dazu. Wer immer nur daheim sitzt, wird irgendwann auch unrund. Eine Mischung, aus Zuhause und im Großraumbüro, ist in vielen Branchen die Zukunft des Arbeitens. Unternehmensberater nennen das „hybrides Arbeiten“. Wer von daheim arbeiten will, kann das tun.

Für den Arbeitsmarkt bedeutet das einen Strukturwandel. Denn wenn mehr von zuhause gearbeitet wird, bringt das vor allem ländlichen Regionen einen Vorteil. Es braucht nur einen guten Internetanschluss (zugegeben auch nicht immer der Fall in Österreich, aber das könnte die Regierung ändern). Wer sich teuren Wohnraum in Ballungszentren nicht leisten will, muss dies nicht mehr tun.

Digitalisierung schreitet voran

Manche Kommentatoren in internationalen Medien gehen deutlich weiter, zeichnen bereits das Bild von staatenlosen Unternehmen, deren Mitarbeiter überall in der Welt verstreut in ihren eigenen vier Wänden sitzen und für ihre Firma wertschöpfen. Die Corona-Pandemie habe einen Digitalisierungsschub in der Arbeitswelt ausgelöst, der noch langen Nachhall haben wird, sind sich viele Experten sicher.

Das ist zwar nicht gänzlich falsch. Aber eben auch nur teilweise richtig. Denn gerne wird vergessen, dass „remotes“ Arbeiten nur für einen Teil der berufstätigen Menschen eine Option ist. Kellner, Feuerwerkstechniker, Bauarbeiter und Krankenpfleger etwa können ihre Tätigkeit kaum in heimeliger Abgeschiedenheit verrichten. In Deutschland sind zum Beispiel nur zwischen einem Viertel und einem Drittel aller Jobs überhaupt homeofficefähig: Verwaltungstätigkeiten, Administration, Management, Artikel für wolfgang schreiben, Webdesign – um ein paar Beispiele zu nennen. Entsprechend sind die Ergebnisse einer Umfrage unter Usern des Jobportals karriere.at zu deuten, wonach sich 93 Prozent der Österreicher für Homeoffice, zumindest als Option, aussprechen. Es geht um die Möglichkeit in Berufen, wo Homeoffice überhaupt Sinn macht.

Privilegierte Schicht

Aber zurück zu den im Schnitt Bessergestellten, die auch nach der Pandemie wenigstens von Zeit zu Zeit zuhause ihr Werk erbringen werden. Und wenn sich die bisherigen Trends am Arbeitsmarkt nicht ins Gegenteil verkehren, wird der Anteil der homeofficefähigen Jobs in Österreich in den kommenden Jahren steigen. Der Autor dieses Textes gehört auch zu denen, die die Coronakrise ins Homeoffice geschwemmt hat und das gar nicht einmal so schlecht finden.

Allerdings hat sich bald gezeigt: Die Abgrenzung zwischen Freizeit und Arbeitszeit fällt zuhause mitunter schwerer als sonst. Denn der Arbeitscomputer ist immer in Griffweite, das Diensttelefon routinemäßig aufgedreht. Wem in Normalzeiten um 21:00 Uhr etwas einfällt, das noch nicht erledigt ist, holt das am nächsten Morgen im Büro nach. In Homeoffice-Zeiten dreht man um 21:00 Uhr den Computer auf und macht es gleich. Allerdings gibt es auch die, die sich in den eigenen vier Wänden vor der Arbeit wegducken – wie will der Vorgesetzte überprüfen, ob man wirklich so im Stress ist oder eine spannende Netflix-Serie angefangen hat. Und es gibt die, die eben auch ein Kind oder einen Pflegefall zuhause haben, der nicht aufhört ein Pflegefall zu sein, wenn der Chef anruft.

Arbeitszeit neu denken

Arbeitszeit, Freizeit aber auch Haus-, Erziehungs- und Pflegearbeit verschwimmen im Homeoffice. Soziale Interaktion am Arbeitsplatz bricht weg. Das alles legt nahe: Man muss Arbeit neu denken, wenn sie sich in die eigenen vier Wände zurückzieht. Von neun bis fünf ständig auf Abruf sein? Sicher, in manchen Jobs muss man erreichbar sein. Oder zumindest kommunizieren, wenn man einmal pausiert. Nine-to-Five-Arbeitszeiten haben im Homeoffice aber meist wenig Sinn. Ob Mitarbeiter auch brav arbeiten, können Arbeitgeber kaum überprüfen. Und viele Arbeitnehmer beuten sich ohnehin selbst aus, indem sie zuhause mehr arbeiten als sie müssten. Wichtig ist, dass Mitarbeiter die Aufgaben erledigen, die ihnen aufgetragen werden. Aber das ist es dann auch. Man muss über vertraglich geregelte Arbeitszeiten sprechen. (Und über die, die während der Pandemie nicht ins keimfreie Eigenbüro wechseln können, sowieso.)

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