De Viena a Barcelona | Regionale Unterschiede der spanischen Mentalität anhand von Esskultur

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Welche Worte schießen einem durch den Kopf, wenn man an „Spanien“ denkt? Ein Gedankenfluss, der mit Flamenco, Stierkampf und Sangría beginnt, führt früher oder später unweigerlich zu Paella und Tapas. Allerdings ist keiner dieser Begriffe im ganzen Land universell.

Während der erstgenannte, beliebte Tanz definitiv aus Andalusien kommt – was allerdings auch Souvenirläden in Barcelona nicht davor stoppt, Flamenco-Tänzerinnen als Magnete im Gaudí-Look anzubieten – ist die corrida de toros auf den Balearischen Inseln und in Katalonien, wo sich auch Barcelona befindet, sogar verboten. Diese Beispiele sollten aber eher als Illustration von doch bestehenden Unterschieden in diesem nach außen oftmals recht homogen scheinendem Land dienen, denn der Hauptteil dieses Artikels dreht sich um Essen.

Tapas ohne Ende (c) Christian Bydlinski

Schwein gehabt – oder doch Ostschermaus?

Was ist denn nun das Nationalgericht von Spanien? Wenn es so etwas geben sollte, wäre jamón ibérico ein guter Kandidat. Dabei handelt es sich um luftgetrockneten Rohschinken, der – je nachdem von welchen Schweinen er kommt – recht unterschiedliche Preisklassen belegt. Die teuerste Variante, von Schweinen, die ihr Leben lang nur mit Eicheln gefüttert werden, kann einen beispielsweise schon recht tief in die Tasche greifen lassen. Auch wenn ich diese Version nicht kenne und auch weiterhin nicht vorhabe sie zu probieren, habe ich nichts gegen jamón ibérico. Ganz im Gegensatz zu meinem Bruder, der nach einer ganzen Schinkenkeule, als nicht ganz ernst gemeintes Geburtstagsgeschenk, keinen jamón mehr sehen kann. Gekochter Schinken, wie er in heimischen Gefilden bekannt ist, wird in Spanien übrigens gemeinhin als jamón york oder einfach nur „york“ bezeichnet.

Tapas (c) Christian Bydlinski

Was ist denn jetzt aber mit der am Anfang erwähnten Paella? Ich bin mir sicher, einige von euch werden diese eher mit Spanien verbinden als Schinken. Hier stellt sich erstmal die Frage, was man als Paella definiert. Die im Ausland verbreitete Vorstellung einer Reispfanne mit Meeresfrüchten und eventuell Hühnerfleisch, ist wohl nicht die akkurateste: Die ursprüngliche Paella kommt aus Valencia und enthält nur Hühnerfleisch, manchmal auch Hase und/oder Schnecken. Wollen wir noch weiter in die Vergangenheit zurückblicken, stoßen wir auf das originale Rezept aus dem 19. Jahrhundert, das aufgrund des damaligen Nahrungsmangels statt Huhn ein kleines Nagetier namens Ostschermaus verarbeitete – dieses heutzutage noch zu finden, dürfte aber erwartungsgemäß schwierig sein. Dennoch ist die Meeresfrüchte-lastige Paella-Variante heute auch in Spanien die verbreitetste. Nebenbei habe ich für Paella-Traditionalisten, die auf pures Hühnerfleisch pochen, etwa genauso viel Verständnis wie für Puristen, die mir erklären wollen, dass ein Wiener Schnitzel aus Kalbs- statt Schweinefleisch bestehen muss: keines. In jedem Fall werden innerhalb Spaniens sowohl die Hühnerfleisch- als auch die Meeresfrüchte-Paella eher als eine valencianische Spezialität als ein Nationalgericht gesehen.

Tapas para todos

Und die Tapas? Während diese mit geringfügigen Änderungen im ganzen Land existieren – im Baskenland heißen sie beispielsweise Pintxos und sind mit einem Zahnstocher auf Brötchen aufgespießt – kann man gerade in diesen Variationen große Unterschiede in der innerspanischen Mentalität erkennen. Während man in Barcelona Tapas für einen Preis, der meistens zwischen drei und fünf Euro liegt, bestellen muss, fühlte ich mich auf meiner Andalusien-Reise um Neujahr wie in einer anderen Welt: Bei der Bestellung eines Getränks – das im Süden übrigens um einiges billiger ist als in Katalonien – bekommt man eine Tapa gratis. Zwar kann man in den meisten der Lokale nicht selbst auswählen was man bekommt, es reicht aber von frittiertem Fisch bis hin zu Bratkartoffeln oder – zu meiner Überraschung – Bagels. Diese Gastfreundschaft im Süden des Landes lässt Parallelen zur „southern hospitality“ in den US-amerikanischen Südstaaten ziehen, im Gegensatz zu den dortigen Gepflogenheiten wird in Spanien vom Kunden jedoch generell kein Trinkgeld erwartet.

Tapas, Tapas, Tapas (c) Christian Bydlinski

Mein kulinarisches Highlight in Spanien ist allerdings kein Gericht, sondern eine Soße: Alioli. Die passendste Beschreibung dafür wäre Mayo, aber besser und mit starkem Knoblauchgeschmack. Egal ob auf patatas bravas oder als essentielle Zutat bei einem meiner unzähligen Picknicks mit meinen Erasmus-Freunden auf den búnkeres del Carmel, einer Bunkeranlage aus dem Spanischen Bürgerkrieg: Alioli verbessert jede Mahlzeit.

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