Und dann hat einer gesagt, so gut ist Ungleichheit gar nicht

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Revolutionäre Erkenntnisse in den Wirtschaftswissenschaften – endlich? Über zwei Bücher, ihren Autor und eine längst überfällige Diskussion.

Der eine, von dem die Rede ist, ist der französische Ökonom Thomas Piketty. Er hat mit zwei Büchern (Das Kapital im 21. Jahrhundert (2014), Kapital und Ideologie (2020)) in den Wirtschaftswissenschaften Wellen geschlagen. Diese Disziplin, die sich seit Jahren fast ausschließlich mit der Denkschule der Neoklassik bzw. des Neoliberalismus beschäftigt, war erstaunt über Pikettys Theorien: Eine Gesellschaft würde für ihr Bestehen keine Millionäre brauchen, das Fortschreiten des Kapitalismus produziere langfristig demokratiegefährdende Ungleichheiten, das Konzept von Privateigentum sei kein natürlicher Zustand und herrschende Ideologien bestimmten maßgeblich die ökonomischen und somit auch gesellschaftlichen Verhältnisse ihrer Zeit. Für manche mögen diese Feststellungen kein neu erfundenes Rad darstellen, in den Wirtschaftswissenschaften haben sie zumindest eine Debatte ins Rollen gebracht.

Einer Disziplin wird der Spiegel vorgehalten

Spätestens seit den neoklassischen und neoliberalen Politiken von Margret Thatcher und Ronald Reagan in den 1980er-Jahren bestimmen diese Denk- und Forschungsrichtungen den wirtschaftswissenschaftlichen Diskurs. Neoklassik meint dabei das Abstrahieren von wirtschaftlichen (zwischenmenschlichen) Prozessen auf eine mathematische Ebene, um mit komplexen Modellen Berechnungen anzustellen, die zum Beispiel das Wirtschaftswachstum vorhersagen können. Aus zwischenmenschlichen Beziehungen werden also Zahlen, daraus Zukunftsprognosen. Hinzu kommt dann noch (Neo-)Liberalismus, der, verkürzt gesagt, davon ausgeht, dass sich der Markt selbst reguliert und Freiheit von Gesetzen und Regelungen die beste Entwicklung für die Wirtschaft bringt. Ein Großteil der ökonomischen Forschung bewegt sich in diesem Feld, die wirtschaftswissenschaftlichen Studiengänge österreichischer Universitäten sind ausgiebig mit komplexer Mathematik gespickt. Natürlich gibt es auch in anderen wissenschaftlichen Disziplinen vorherrschende Denkschulen und Überzeugungen davon, was nun „richtig“ sei. Dennoch befinden sie sich meist in Selbstreflexion oder zumindest zeitweiser Kritik und alle paar Jahrzehnte findet ein Paradigmenwechsel statt, bei dem herrschende Grundannahmen über Bord geworfen – oder zumindest diskutiert werden. Nun scheint es so, als hätte Piketty das in seiner Disziplin auch geschafft, und die Ökonomie muss – endlich – über sich selbst nachdenken.

Die Zahlen sind eben doch politisch

Nicht aber nur die Ökonomie als Forschungsdisziplin muss besprochen werden, auch ihre unbestreitbaren Verknüpfungen mit der Politik. Entstanden sind die Wirtschaftswissenschaften überhaupt als politische Arithmetik oder Nationalökonomie. Im 18. und 19. Jahrhundert wurde in Europa, konkreter England, klar, ein politisches System, das sich um die Aufteilung von Ressourcen kümmert, muss auch über die Mechanismen dieser Ressourcenverteilung, Handel, Preisbildung und ähnliches Bescheid wissen. Adam Smith, Robert Malthus oder David Ricardo (um nur ein paar zu nennen) waren damals eng mit politischen Entscheidungen verbunden und bezogen auch klar Stellung zur politischen Situation. Heute ist das leider anders. Offiziell sind Ökonomen und Ökonominnen apolitisch und liefern nur die Zahlen nach denen Politiker*innen entscheiden. Doch eigentlich hätten wir als Bevölkerung auch Anrecht auf diese Zahlen – vor allem wenn es um die Verteilung bzw. Konzentration von Vermögen geht.

Die Verteilung von Vermögen geht uns alle etwas an

Denn die Tatsache wie viel wir über ein Thema wissen, formt natürlich unsere Einstellung dazu. Die Wissenschaft vom Un-Wissen – auch „Agnotologie“ (Robert N. Proctor 2008: Agnotology: A Missing Term to Describe the Cultural Production of Ignorance (and Its Study)) versucht als wissenschaftliche Disziplin (unter anderem) zu beforschen, wie mit fehlender oder falscher Information zu wissenschaftlichen Erkenntnissen Bevölkerungen beeinflusst werden können. Einer ihrer Begründer, Robert N.Proctor, spricht dabei zwar nicht von herrschenden ökonomischen Denkschulen und ihren Erkenntnissen, dennoch kann seine Theorie hier ins Spiel gebracht werden: Wenn wir als Bevölkerung einer Demokratie nicht wissen, wie, mit welchen Methoden und Grundannahmen zu Gesellschaft und Gerechtigkeit unsere wirtschaftlichen Abläufe beforscht werden, wird uns das für demokratische Teilnahme notwendige Wissen vorenthalten. In einer Demokratie geht es ja auch darum, über die Verteilung von Geld, Gütern, Wissen, kurz Ressourcen zu entscheiden und nur ausreichend informiert können wir das – durch Stimmabgabe oder andere politische Teilnahme – auch tun. Eine fehlende Verbreitung von wissenschaftlichen Erkenntnissen kann hier zu systematischer Fehlinformation führen und im weitesten Sinne politische Konsequenzen haben.

Her mit den Zahlen!

Die Informationen sind ja vorhanden, abgesehen von monatlichen Zahlen zu Arbeitslosenrate oder Kurzarbeitszahlen während Corona zirkulieren sie jedoch in Think-Tanks oder Beratungsgremien politischer Parteien – und sind dort sicher mehr als neutrale Zahlen. Zudem baut sich die Ökonomie mit der Mathematisierung einen immer höheren Elfenbeinturm. Wer Wahrscheinlichkeitsrechnung, Statistik und Stochastik sowie diverse komplexe mathematische Modellrechnungen nicht versteht, hat auch keine Möglichkeit am Gespräch über unsere wirtschaftlichen Verhältnisse teilzunehmen. Das ist wiederum einer der Verdienste von Thomas Piketty. In beiden der erwähnten Bücher schafft er es auf Hunderten von Seiten, einerseits seine Thesen klar zu formulieren, geschichtliche Hintergründe zu liefern, gleichzeitig aber auch die Zahlen dazu. Als gelernter Ökonom weiß er natürlich, dass er genügend Berechnungen und empirische Daten braucht, damit er gehört wird. Er schafft also den Spagat zwischen gesamtgesellschaftlichen Betrachtungen gemeinsam mit Kritik und wissenschaftlichen Fakten zur Untermauerung der Aussagen. Dafür gilt er mittlerweile als eine Art intellektueller Superstar, trat in Talk-Shows, bei Buchbesprechungen und Veranstaltungen auf. Dieses Phänomen einer Kritik von herrschenden Glaubenssätzen und intransparenter Wissenschaft zeichnet sich aber nicht allein durch ihn aus.

Piketty als Produkt des Diskurses

Seine Theorien und Aussagen sind grundsätzlich nicht revolutionär, einige davon können sicher auch bei Karl Marx gefunden werden. Die Frage der Untergrabung der demokratischen Grundsätze durch steigende Ungleichheit stellten sich schon (post-)marxistische Politolog*innen wie Chantal Mouffe, Jacques Rancière oder Étienne Balibar, für Sozialwissenschaftler*innen oder Ungleichheitsforscher*innen werden Pikettys Aussagen auch keine bahnbrechenden Erkenntnisse sein. Somit ist der französische Ökonom wohl eher Zeichen oder Produkt seiner Zeit. Für seine Aussagen war die Auseinandersetzung mit anderen Denker*innen notwendig, die Berechnungsmodelle für die Studie wird er nicht selbst erfunden, geschweige denn alle Daten für die 20 Länder und über drei Jahrhunderte selbst erhoben und ausgewertet haben. Viel eher steht hinter dem Phänomen Piketty ein Netzwerk an Personen, sozio-ökonomischen Möglichkeiten (er selbst studierte an einer Pariser Elite-Uni) sowie historische Gegebenheiten. Piketty hat seine Theorie also wie erwähnt nicht aus dem luftleeren Raum erschaffen. Er war lediglich der Punkt, an dem die verschiedensten Faktoren zusammenlaufen und in seiner Person zum Ausdruck kamen. Die steigende Ungleichheit im weltweiten aber auch nationalen Vergleich und deren überdeutliche Sichtbarkeit während Corona können als Teil dieser Bedingungen gesehen werden.

Trotzdem Danke

Piketty kann also dafür kritisiert werden, den Ruhm eines Reformers zu bekommen, obwohl seine Erkenntnisse nicht bahnbrechend sind bzw. nicht von ihm alleine stammen – geschweige denn von ihm erfunden wurden. Andererseits hat es wohl einen Ökonomen gebraucht. Einen Mann, der viele Zahlen präsentiert und in seiner Disziplin genügend respektiert wird, damit diese Ansichten endlich ernst genommen werden.

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