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wolfgang hört | Die besten Alben der letzten Dekade: 2016

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Das Jahrzehnt ist vorbei, wir blicken zurück auf eine Vielzahl von großartigen Platten. Heute werfen wir einen Blick auf 2016, quer durch alle Genres, von Danny Brown über Angel Olsen bis zu Kero Kero Bonito.

Angel Olsen My Woman (Jagjaguwar, 2016)

Mit ihrem dritten Studioalbum schlägt Angel Olsen neue Wege ein. Nach den von Kritikern in den Himmel gelobten Alben Half Way Home (Bathetic, 2012) und Burn Your Fire For No Witness (Jagjaguwar, 2014) entwickelt sie hier ihren eigenen Sound noch weiter. In viel zu kurzen 47 Minuten beweist sie wieder, dass ihre einzigartige Stimme gleichzeitig sehr feminin und stark sein kann. Die US-amerikanische Sängerin ist bekannt für ihre einfühlsamen und ausdrucksstarken Lyrics. Sie zeigt Attitude und Glamour, steht dabei aber zu ihrer Verwirrung und ihren Unvollkommenheiten. Zu den Themen des Albums befragt, sagt Olsen selbst, es drehe sich um „the complicated mess of being a woman.“ Mit selbstbewussten Gitarren und warmen Bassklängen trägt sie uns durch das Album. Oft ist dabei die Produktion so sanft und ambivalent, dass man die einzelnen Instrumente kaum voneinander unterscheiden kann. Vor allem die elektrischen Gitarrenstücke haben es mir persönlich angetan. Thematisch und musikalisch ist das Album in zwei Teile zu unterscheiden, die als Schallplatte am einfachsten zu erkennen sind.

Die A-Seite mit ihren 5 knackig-kurzen und lebendigen Tracks legt mit ,,Intern“ eindrucksvoll los. Es geht um die Anstrengungen, man selbst zu werden und sich in dieser verrückten Welt zu beweisen: „Doesn’t matter who you are or what you’ve done / Still got to wake up and be someone.“ Angel Olsen singt von dem mit dem Track leicht nachvollziehbaren Wunsch, lebendig zu sein und etwas Ernsthaftes, etwas Echtes zu erschaffen, was ihr nicht nur mit diesem Album gelingt. Auch der nächste Song ,,Never Be Mine“ schlägt einem in die Magengrube mit seinen melancholischen Gesängen. Mein absolut liebster Track des Albums ist eindeutig ,,Shut Up Kiss Me. Er dreht sich ganz um den Kampf um die Liebe und nicht loszulassen zu können. „Shut up kiss me hold me tight“ wird fast wie ein Befehl und ohne Interpunktion ausgesprochen, es bleibt kein Raum für Wenn und Aber. Auch als Zuhörer*in kann man sich dieser Anziehung nicht entziehen.

In der zweiten Hälfte des Albums werden die Tracks länger, sie wirken nicht mehr so up-beat. Es werden oft dunklere, ernste Themen angesprochen. Dabei versteckt sich Angel Olsen nicht, die Lieder strotzen nur so von Aufrichtigkeit. Sie geht offen und ehrlich mit Intimität und Nähe um. Der quasi titelgebende Song ,,Woman“ ist ganz dem Thema der Feminität gewidmet: „I dare you to understand / What makes me a woman.“ Sie spricht davon, sich Emotionen nicht ausreden zu lassen, sich nicht selbst oder von anderen einengen zu lassen. Dabei akzeptiert sie die Widersprüchlichkeit von Menschen oder eben Künstlern.

– Magdalena

Danny Brown – Atrocity Exhibition (Warp, 2016)

Ain‘t it funny how Detroit’s best kept secret – at least until 2016 – managed to shake the entire foundation of the dark and brooding side of Rap with a single release? After XXX (Fool’s Gold, 2011) and Old (Fool’s Gold 2013), Danny Brown followed up with the bleakest record of his entire career – and one of the direst Hip Hop releases of all time.

Atrocity Exhibition, a record aptly named like the title track of Joy Division’s second (and last) album Closer (Factory, 1980), shares many traits with its spiritual progenitor. Sure, this is not a Post-Punk or even Rock record by any means, with all the twisted instrumentation, oddly paced but somehow perfectly fitting flows and Danny’s typical, croaking voice. This is the forefront of Experimental Hip Hop, narrated by the literary figure of a man lost in the haze of addiction.

– Gaps

Frank Ocean – Blonde (Blonded, 2016)

Der abstrakte, experimentelle Sound ist gleich im Opener fühlbar: Eintönige Beats, gemeinsam mit sphärischen Klängen und einer high-pitched Stimme. Nach etwa drei Minuten bekommt man Oceans „normale“ Stimme das erste Mal zu hören. Das Konzept des Albums braucht bei den meisten Menschen wohl etwas Zeit zum Sickern – die Kritik war anfangs etwas unentschlossen das Album betreffend, doch nach ein bisschen Zeit setzten sich die verschiedenen Elemente des Werks in den Köpfen der Hörer zusammen und ergeben ein stimmiges, wunderschönes Bild – Blonde.

In ,,Ivy singt Ocean über eine Beziehung und die starke Zuneigung und Überraschung, die mit ihr verbunden ist: „I thought that I was dreaming when you said you loved me“.

Die Mutter eines Freundes von Frank Ocean hinterlässt eine Anti-Drogen-Nachricht auf einem Anrufbeantworter, die das Lied ,,Be Yourself füllt. Während diese Mutter die Gefahren von Drogen, besonders Marihuana, und die angeblichen Folgen erläutert, folgen auf dem Album viele Referenzen zu Drogen – „Gone off tabs of that acid“ (,,Solo“), „No trees to blow through / but blow me and I owe you / two grams when the sunrise“ (,,Solo“), „Shut the fuck up I don’t want your conversation / rolling marijuana that’s a cheap vacation” (,,Nights‘) oder “Must be on that white like Othello” (,,Nikes“).

Das Album wurde, trotz der Zeit, die man zum „Einhören“ braucht, hoch von der Kritik gelobt und in vielen Album-Of-The-Year-Listen erwähnt.

– Anna H.

Kero Kero Bonito – Bonito Generation (Double Denim, 2016)

Amongst music elitists, it’s typical to praise records and artists that stand out due to their lyrical or technical prowess; they tend to gravitate towards compositions that aren’t necessarily beautiful in everyday terms but that still adhere to certain aesthetic principles. In consequence, everything that falls short of this arbitrarily set standards should in turn be regarded as unworthy of attention and as mere “music for the masses”.

In this sense, Bonito Generation is the exact type of record that this sort of individual would look down upon: it’s bubbly, it’s catchy, it has no obvious lyrical depth and it’s sung by a woman. A recipe to make all of those “name-three-of-their-songs” dudes run away in horror.

However, this album is also much more than that. It’s a Synth Pop curiosity that draws influences from the Hip Hop and City Pop scenes, as well as from pop culture and video games to craft an unadulterated sugary sound.

It’s also everything but boring. Tracks such as ,,Waking Up“, ,,Try Meand ,,Trampoline stand out due to their catchy refrains and a duration that is adequate, so they don’t overstay their welcome, making it hard for the individual songs to blend with each other into an unrecognisable, overly colourful mess.

Additionally, it’s quite self-aware. Its lyrics range from everyday nonsense (,,Heard a Song), to excessively optimistic anthems (,,Trampoline) to ironic and borderline tongue-in-cheek constructions (,,Graduation). As opposed to what is intended with complex metaphors or cryptic messages, here it’s plain to see that the faces behind this project knew exactly what they were aiming for and did it as purposeful and openly as possible.

In very few words, Bonito Generation is a post-ironic, coming-of-age delight that plays on everything that is worthwhile and significant about Pop as a both a genre and a cultural product. However cliché it may sound, what can be said about the detractors of this record is that they “just don’t get it”; its overall upbeat mood is not a facade to disguise a deep critique of modern society, but it’s instead a provocation in on itself. It’s an on-the-nose fantasy that reminds us of what Pop should be like, and that however much your edgy soul resents it, you’re enjoying it.

– Reg

Solange – A Seat at the Table (Saint, 2016)

Solange erzählt in einem Interview mit MTV, dass A Seat At The Table für sie weit mehr als ein Album ist – sie steckte all ihre emotionalen, physischen und finanziellen Kräfte in dieses Werk und stellt die Themen Identität, Eigenständigkeit, Selbstfindung, Umgang mit Rassismus und Sexismus, Heilen und Trauer als zentral dar.

Der 1:41 lange Opener des Tracks ,,Rise“ hüllt einen gleich in die atmosphärische, ruhige, gelassene und empowernde Klangwelt des Albums ein. Mit Synthesizern und Solanges Stimme wird ein Flair geschaffen, der einen Einblick in das restliche Album geben soll.

Verschiedene Strategien, um über etwas hinwegzukommen, werden in ,,Cranes In The Sky“ vorgestellt: „I tried to drink it away / I tried to put one in the air / I tried to dance it away / I tried to change it with my hair / I ran my credit card bill up / Thought a new dress would make it better / I tried to work it away”.

In ,,Borderline (An Ode To Self Care)‘ werden die anfangs ruhigen Klänge von einem stetigen Beat untermauert, nach einigen Sekunden fängt Solange an zu singen und vermischt besonders in diesem Song Elemente verschiedener Genres.

Das Album hat zweifellos eine riesige Auswirkung auf seine Hörer – in North Carolina entwickelten sechs Frauen einen Kurs an der Uni, in dem sich junge, farbige Frauen in kreativer Form mit den Themen, die Solange in ihrem Album behandelt auseinandersetzen.

– Anna H.

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