Warum Irlands Traum von der Wiedervereinigung wahr werden kann

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Die Insel Irland befindet sich im Wandel. Nicht nur die überraschende Wahl der linken Partei Sinn Fein, die eine hundertjährige Zweiparteienherrschaft zerschmetterte, lässt Umbruch vermuten, auch das neu gewonnene Momentum der Wiedervereinigung mit Nordirland birgt Veränderung in der Republik. Warum diese jetzt so wahrscheinlich wie noch nie ist:

Anfang des letzten Jahrhunderts wollten die Iren nach rund 500 Jahren britischer Herrschaft endlich das koloniale Joch abwerfen. Nach einem blutigen Bürgerkrieg zwischen der Irischen Republikanischen Armee (IRA) und der britischen Regierung in Irland, wurde dieser Traum zumindest partiell wahr. Am Ende kam eine selbstständige Republik Irland raus, aber das mehrheitlich protestantische Nordirland wurde zum britischen Dorn im katholisch-irischen Auge. Seitdem ist die Wiedervereinigung Hauptbestandteil in den Agenden der relevanten irischen Parteien – bisher aussichtslos. Heute ist die Utopie eines vereinten Irland jedoch realistischer denn je.

Schluss mit der Tradition

Nach einem hundertjährigen politischen Duopol der Mitteparteien in der Republik Irland, Fianna Fáil und Fine Gael, wurde dieses am achten Februar von Sinn Fein, die 24,5% der Stimmen ergattern konnte, beendet. Die linke Partei, die in Zusammenhang mit der IRA steht, setzte sich mit dem Versprechen mehr in die Gesundheit und Wohnpolitik zu investieren durch. Dieser überraschende Triumph ist Teil des progressiven Veränderungsprozesses, den Irland im letzten Jahrzehnt hinter sich hat. Die Scheidung wurde erst 1995 erlaubt, 2013 wurde das Abtreibungsverbot offiziell aufgehoben und zwei Jahre später folgte mit der Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare eine weitere Gesetzesänderung, die im schwer katholischen Irland noch kurze Zeit davor als undenkbar galt. Diese Entwicklung nimmt den Protestanten aus Nordirland, die an liberalere Gesetzgebung gewohnt sind, im Falle einer Wiedervereinigung die Angst vor einem gesellschaftlichen Rückschritt.

Immer wieder der Brexit

Der freie Personen- und Warenverkehr, den die EU ermöglichte, trug zu großen Teilen zur Beruhigung des Nordirlandkonflikts bei. Bis in die 2000er Jahre war die Grenze noch mit Stacheldrähten und Wachtürmen gespickt. Heute ist sie mit freiem Auge unsichtbar. Knapp 30.000 Menschen pendeln täglich zwischen Irland und Großbritannien hin und her. Eine harte Grenze würde also schwerwiegende ökonomische Folgen für beide Parteien haben, aber auch tief verwurzelte ideologische Konflikte wieder überschäumen lassen. Auch wenn heute nordirische Protestanten neben irischen Katholiken in Frieden leben, könnte eine geographische Teilung durch den Brexit zu einer erneuten religiösen Teilung führen. Das zu verhindern, liegt im Interesse aller Beteiligten – vor allem der jungen, säkulareren Bevölkerung.

Der Kreislauf des Lebens

Laut der britischen Volkszählung werden 2021 erstmals mehr Katholiken als Protestanten in Nordirland leben. Das liegt einer höheren Geburtenrate der Katholiken zugrunde. So schwindet langsam aber sicher die protestantische Dominanz, die zu großen Teilen für das Scheitern der Vereinigungsversuche der irischen Politik verantwortlich ist. Viele von jenen, denen der Religionsaspekt noch am Herzen liegt, sind außerdem gerade dabei wegzusterben.

Obwohl die Wiedervereinigung der logische nächste Schritt sein müsste, braucht die Insel einen Plan. Das Momentum ist vorhanden, entscheidend ist jedoch, den Nordiren das Gefühl zu vermitteln, einen Platz in einem vereinten Irland zu haben. Sollten die Schotten ihre Unabhängigkeit erlangen, könnte sich auch die tiefe Verwurzelung der Nordiren zu den Briten in Luft auflösen. Der Weg zur Wiedervereinigung wäre geebnet. Ein Traum, der nicht selten durch Blut und Tod zu verwirklichen versucht wurde, könnte nun mit einer friedlichen Lösung erfüllt werden.

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