Pferd in Nebel

Theaterbesuch | Equus @ Scala Wien

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Am 30. Oktober feierte das Skala-Theater im 5. Wiener Gemeindebezirk die Premiere des psychoanalytischen Dramas von Peter Shaffer. Glaube und Psyche, Licht- und Schattenspiel. Der Vorabend zu Halloween hätte als Premieretermin für dieses unheimliche Stück kaum besser gewählt werden können!

Für eine Handvoll Augen

Das Stück beginnt mit der Erzählung eines Psychiaters, der zwischen seiner Hingabe zur Versorgung seiner Schützlinge und Selbstzweifeln schwankt. Der Psychiater, Martin Dysart, erzählt, dass ihm ein ungeheurer Fall vorliegt. Ein Junge namens Alan Strange hat in einem Reitstall allen Pferden die Augen ausgestochen. In der Auseinandersetzung mit dem Jungen stößt er auf Widerstand und muss sich folglich mit dem Elternhaus des Jungen, einem sozialistischen und atheistischen Vater, der strikt gegen jedes Fernsehen ist und einer christlichen Mutter auseinandersetzten (beide Rollen wurden mit viel Gefühl für die Nuancen der Charaktere von Birgit Wolf und Christoph Prückner gespielt). Während sich die Beziehung zwischen Dr. Martin Dysart und Alan Strange (hervorragend gespielt von Anselm Lipgens und Angelo Konzett), vertieft, stellt der Arzt fest, dass der Junge seine eigene Religion, fußend auf der Verehrung für Pferde, zurechtschnitzte.

Equus, dein Königreich komme

Nicht nur, dass Western die Lieblingsfilme des jungen Alan sind, auch seine Leidenschaft entfaltet sich erstmals in dem Moment, als er erstmals ein Pferd zu Gesicht bekommt. Das Lustobjekt des Pferds wird jedoch harsch von ihm abgetrennt, als sein Vater den sechsjährigen vom Pferd zerrt und er sich das Knie aufschlägt. Die Mutter des jungen Alan liest ihm heimlich aus der Bibel vor, und als sein Vater schließlich nach einem Streit mit ihr ein Plakat des gegeißelten Jesus von der Wand des Jungen reißt, ersetzt er selbiges mit einem Pferdeposter, auf dem das Pferd frontal aus der Wand den Jungen anzustarren scheint.

Die Geschichte wird, der Tat folgend, aus dem „Behandlungszimmer“ des Arztes heraus erzählt. Das Theaterstück springt zwischen der Vergangenheit, der Gegenwart und der direkten Erzählung des Arztes und des Jungen, quasi deren Gedankenwelt, hin und her. Um den Jungen zum Reden zu bringen, wendet der Psychiater vielfältige Methoden, von Hypnose hin zu Tonbandaufnahmen an. Die Darstellung wird, der Erzählebene gemäß, in bläuliches Zwielicht des mystischen oder grelle–weißes Licht der „klinischen“ Erkenntnis getaucht.

Die Erzählung erstreckt sich, nonlinear, quer über das Leben des Jungen der, zum jungen Mann herangewachsen, in einem Elektronikladen arbeitet. Er verbringt aber jeden freien Moment in der Nähe eines benachbarten Reiterhofs. Dort lernt Alan die junge Reiterin Jill kennen, die ihn schließlich im Pferdestall, dem „Allerheiligsten“ Alans, zu verführen versucht. Hier kommt es zum Eklat. Alan ist unter den Augen der Pferde, den Avataren seines Gottes, nicht in der Lage Jills Lust zu erwidern und vollführt, nachdem sie dem Stall entflieht, seine schreckliche Tat.

Angela Ahlheim überzeugte als Jill mit ihrer Ausstrahlung und spielte ihre Dominanz und Reize in der Suche nach Liebenswürdigkeit geschickt aus. Christina Saginth spielt die Anwältin des Jungen, die ihn vor dem Übel des Gefängnisses bewahren will und ergänzt die Rolle des Psychiaters, der aufgehört hat an eine „normale“ Welt zu glauben um die Überzeugung, das jede® in die „normale“ Welt integrierbar ist.
Robert Stuc gab den affektierten Gutshofs-Besitzer und den zumal bedrohlichen, zumal fürsorglichen Wächter in der Klinik des Dr. Dysart.

Imposantes Bühnenbild

Zu guter Letzt muss noch wenigstens ein lobendes Wort über die Bühnentechnik verloren werden. Das aus Holz gezimmerte Tor an der Rückwand, die Bretterverschläge und der „Boxring“ aus Holz in der Mitte der Bühne erweckten, zusammen mit den kleinen geschnitzten Pferdeköpfen am Dach, Erinnerungen an Wild-West-Filme. Hierzu passend ist das Geschehen in der Gegenwart meist in gelbes Licht getaucht, das Erinnerungen an staubige Landschaftsaufnahmen und gleisende Sonne weckt. Die Gedanken des Arztes sind in klinisches Weiß getaucht, dem sich erst am Ende des Stücks das bläuliche der mystischen Erfahrung des jungen Alan mischt.

Wer sich nicht scheut, in eine Welt mit Steigbügeln, Ledergerten, Religion und Lust einzutauchen, dem sei dieses Stück wärmstens empfohlen!

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