Ein idyllischer Laden in einer Waldhütte mit grüngekleidetem Verkäufer: Screenshot aus "The Legend of Zelda: Ocarina of Time".

OldMacMario’s Farm @ wolfgang #9: Shopping-Seltsamkeiten

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Trotz der Möglichkeiten des Onlinehandels geht für mich nach wie vor nichts über physische Videospiel-Shops: Ob Streifzüge durch Wiens Retro-Läden in den 2000er-Jahren, in denen ich etwa angefangen habe, die Sega-Konsole-Ära nachzuholen, oder jüngere Einkaufstouren mit Freunden durch die unverändert charmanten, aber leider immer weniger werdenden Gaming-Geschäfte der Hauptstadt – der Spaß wird stets großgeschrieben, und manchmal wird es auch recht skurril…

Titelbild: zeldapendium.de

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Etwa, wenn einen ein Verkäufer mit einem lauten „Hey, du! KIND!“ zur Kassa ruft (Fürs Protokoll, ich war da in meinen Zwanzigern). Oder wenn ein anderer auf die Frage, ob man einen Blick in die Spiele in der verschlossenen Vitrine werfen dürfte, mit einem desillusionierten „Wieso? Da sind doch eh nur Mist-Spiele drin!“ antwortet (Wiederum fürs Protokoll, unter besagtem „Mist“ war unter anderem der Game Boy-Klassiker Gargoyle’s Quest zu finden, den ich gleich erfolgreich einem Freund schmackhaft machen konnte). Oder auch bei folgendem Gespräch: Ich beim Kauf von Final Fantasy VIII: „Dürfte ich vorher noch kurz in die Verpackung schauen, ob das Booklet auch drin ist?“ – der Verkäufer, in einem auf wienerischste Weise besonders aggressiven Ton: „WOOOOS? Ob da PUMUCKL drin ist?“ (Ein letztes Mal fürs Protokoll: Der Pumuckl war nicht drin, aber dafür wirkte der unwirsche Geselle irgendwie wie eine Version von Meister Eder, der sein Übergewicht gegen puren Grant getauscht hat.)

Vor dem deutlichen Preisanstieg der letzten Jahre im Retro-Bereich war der letztgenannte Laden übrigens immer wieder für Schnäppchen gut, wobei man freilich zur rechten Zeit am rechten Ort sein musste: So ergatterte ein Freund ein GoldenEye-Modul für N64 um 10…Cent, da es offenbar für eine Videokassette des zugrundeliegenden James Bond-Films gehalten wurde. Ein anderer Kumpel dagegen stand dort wiederum einmal vor einem ganzen Haufen interessanter Retro-Spiele, aber hat einen Moment zu spät gehandelt, sodass plötzlich ein „Was gibts’n da, was gibts’n da?“ vor sich hinbrabbelnder Typ vor ihm stand und sich alle Kleinodien auf einmal gierig wie unmotiviert unter den Nagel riss, sichtlich um sie teuer weiterzuverkaufen. Warum ein wieder anderer Freund dort nicht an Zelda Ocarina of Time kam, lag allerdings an keinem Scalper – sondern an seinem Vater, der ihn (obwohl er das Spiel selbst nicht einmal kannte) aus unerfindlichen Gründen mit einem zielstrebigen „Des is a Schas, des kauf ma ned!“ davon abbrachte (Ok, diesmal wirklich das letzte Mal fürs Protokoll: Später kam der Klassiker doch noch ins Haus und begeisterte Vater und Sohn gleichermaßen).

Wenn einer einen Einkauf tut, so kann er was erzählen

Freilich trägt eine gewisse Fallhöhe auch zur Seltsamkeit von Situationen bei: So erinnere ich mich an einen entzückenden kleinen Laden mit einer sehr netten Besitzerin und ihrem hochgradig flauschigen Hündchen – bei dessen Betrachtung meine Augen an einem kleinen Plakat hinter der Verkaufstheke hängenblieben. Ich komme etwas näher, um die Schrift entziffern zu können – und bereue es sogleich: „Hardcore-Filme: 5€“…aber immer noch geradezu subtil im Vergleich zu jenem Shop, der bunt gemischt nebeneinander Videospiele, Disney-Comics und Pornografisches anbot…

Die abschließende Geschichte spielt in den frühen 2000ern: Ich habe mir gerade in einem von mir frequentierten Laden – welcher auch Handys und Computer, aber vorrangig Retrospiele verkauft – das schöne SNES-Jump&Run Pop ’n Twinbee: Rainbow Bell Adventures in Originalverpackung geholt…dachte ich zumindest. Denn dieses eine Mal habe ich nicht noch im Geschäft ins Case der Neuerwerbung geschaut, sondern erst zuhause, und selbstverständlich wurde dieses eine Mal vom Verkäufer das falsche Spiel eingepackt: Das Modul zeigt das Label des sich bereits in meiner Sammlung befindlichen Vorgängertitels Pop ’n Twinbee. Ich rufe an und melde die Verwechslung, aber schaffe es nicht vor Ladenschluss zurück nach Wien, muss also morgen wieder hin. Nur zum Kontext: Während ich jenen Shop stets geschätzt habe, hatten er und sein Besitzer immer einen gewissen Hehler-Vibe – letzterer sah sogar dem Kuriositätenladen-Verkäufer aus Zelda Majora’s Mask, der unter anderem mit einem diebischen Vogelmonster unter einer Decke steckt, ziemlich ähnlich.

Ein Mann mit Sonnenbrille und Halbglatze hinter einem Verkaufstresen in einem wenig einladenden Shop: Screenshot aus "The Legend of Zelda: Majora's Mask".
Hier ist jener Geselle (der Kuriositätenshop-Verkäufer, nicht das diebische Vogelmonster). [Screenshots: zeldapendium.de]

Am nächsten Morgen stehe ich früh auf, fahre nach Wien und komme schon kurz vor Ladenöffnung am Shop an – vor dem bereits diverse hünenhafte, vollbärtige, lederjackentragende Biker wie aus dem Bilderbuch warten. Als das Geschäft die Pforten öffnet, drängen sie herein und ihr „Anführer“, an dessen Motorradhelm große Wikinger-Hörner prangen (ja, wirklich) wirft eine Handvoll Handys auf den Tresen, die er zu verkaufen gedenkt, während er verbal kein Hehl (welch Wortwitz) daraus macht, dass er sie auf keinem allzu legalen Wege ergattert hat und einstreut, er bräuchte Geld, weil er „gerade aus’m Häfen“ (=Knast) gekommen sei.

Während in diesem Moment alles völlig surreal wirkt, ändert sich die Atmosphäre rasch: Zwei Jugendliche mit nicht deutscher Muttersprache tragen unter Mühen einen sperrigen Computer herein, den sie wohl verkaufen wollen; die Biker sind nicht eben kooperativ im Platz machen. Und als da der „Gehörnte“ beginnt, unverblümt und für alle laut hörbar auf Ausländer zu schimpfen und „Da drehst‘ dich mal kurz weg, drehst dich wieder um und da sind plötzlich noch zwei!“ nachzusetzen, bleibt mir das gedankliche Lachen über die cartoonish-klischeehaften Geschehnisse der letzten Minuten im Hals stecken: Diebische Vogelmonster mögen nicht die angenehmsten Gesellen sein, aber rassistischen Möchtegern-Wikingern ziehe ich sie jederzeit vor!

Würfelförmige pixelige Katze

Vielen Dank fürs Lesen und hoffentlich bis zum nächsten Mal sagen Kolumnen-Katz und Old!


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Herausgeber des "Generation N"-Printmagazins und generation-n.at-Videoredakteur, Germanist, Informatiker, Videospielfreak seit Kindergartentagen, auch Kino, Comics und dem Basteln von seltsamen Kurzfilmen nicht abgeneigt sowie stolzer Absolvent eines Wochenend-Intensivkurses der Clownerie.

Herausgeber des "Generation N"-Printmagazins und generation-n.at-Videoredakteur, Germanist, Informatiker, Videospielfreak seit Kindergartentagen, auch Kino, Comics und dem Basteln von seltsamen Kurzfilmen nicht abgeneigt sowie stolzer Absolvent eines Wochenend-Intensivkurses der Clownerie.

1 Comment

  1. Lustiger Artikel! Erinnert mich an eine Einkaufstour in Linz, bei der es zu einem Zwischenfall mit einer Stierstatue kam…

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