Mensch geht eine Straße entlang

VorLaut – Generation Corona

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Weil es jede Woche etwas gibt, das nach dem kleinen bisschen Meinung verlangt. Weil wir finden, dass frech und vorlaut immer besser ist als zahm und gefügig. Deshalb gibt unser stellvertretender Chefredakteur Max Bell kurz vorm Wochenende seinen Senf dazu. Er mischt sich ein, überall und immer. Damit wir wissen, was war, was ist und welche Themen ruhig noch ein bisschen (vor)lauter sein dürfen. Diese Woche: Wird die Pandemie die Identität einer Generation definieren?

Die Corona Pandemie wird einen tiefen Fußabdruck in der Psyche vieler Menschen hinterlassen. Viele von uns erleben gerade die erste, spürbare Krise. In der Vergangenheit war es oft so, dass gerade solche historischen Ereignisse ein neues Selbstverständnis der Menschen auslösten. Kann also auch Corona identitätsstiftend wirken und wie soll diese Identität dann aussehen? 

Es wäre durchaus vorstellbar, dass sich unsere Generation ähnlich der Nachkriegsgeneration durch einen Wiederaufbau-Gedanken definiert, der kollektiv Sinn stiftet. Damit ist keine direkte Parallele gemeint, die Bevölkerung nach 1945 hatte ganz andere Probleme zu bewältigen, als jene, vor denen wir heute stehen. Die Art und Weise aber wie Identität entsteht, könnte ähnlich sein. Schon jetzt rufen Politiker einen Wettlauf aus, wer schneller wieder besser dasteht.

Ein anderer Aspekt ist das weltweite Auftreten der Krankheit, das eine wichtige Frage aufdrängt: Werden wir durch die globale Krise erkennen, dass wir eine Weltbevölkerung sind, die in einer globalisierten Welt als Schicksalsgemeinschaft besteht? Ein weltweit gleichzeitig auftretendes Phänomen, das bestehende Ungleichheiten aufzeigt und verschlimmert, könnte als Weckruf dienen und eine neue Ära, nicht nur der internationalen Zusammenarbeit, sondern auch einer Art “Global Citizen”-Identität einläuten. Globalisierte Wirtschaft und Politik, deren Fehler, aber auch Vorzüge wir täglich erleben, könnten ein neues Verständnis davon auslösen, wie wir uns in der Welt wahrnehmen.

Leider sprechen die Entwicklungen der letzten Jahre eher eine andere Sprache. Überall auf der Welt gewinnen immer kleinere, immer genauer definierte “Identitäten” an Gewicht, die Respekt für ihre Partikularinteressen einfordern. Auf die großen gesellschaftlichen Probleme, die uns alle betreffen, wird dabei gerne vergessen. Aber vielleicht lässt uns die Pandemie trotz der physischen Distanz doch näher zusammenrücken. Ein Blick rund um den Globus macht Hoffnung.

Weltweit entstehen aktuell Ideen in einer lange nicht mehr dagewesenen Bandbreite. Gemeinsam ist ihnen ein Bekenntnis dazu, nicht mehr in eine “Normalität” vor der Krise zurückzuwollen. Wirtschaftliche Verhältnisse werden kritisiert, individuelle Konsumentscheidungen überdacht und mit neuen Gesellschaftskonzepten experimentiert. Dieser Wille eine neue bessere Zukunft zu gestalten, könnte die Generation Corona ausmachen. Eine Generation, die Geschichte nicht linear denkt, sondern den besonderen wegweisenden Charakter dieser unserer Zeit erkennt und den Mut hat an dem was kommt aktiv teilzuhaben.

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