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De Viena a Barcelona | Erlebnisse eines Erasmus-Studenten

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Mein Name ist Christian (auch wenn hierzulande gerne mal das H weggelassen wird) und ich befinde mich auf meinem bereits zweiten Auslandsaufenthalt, diesmal in Barcelona. Lasst euch von mir die spanische und katalanische Kultur näherbringen: Politik, Reisen, und was Erasmus sonst noch zu bieten hat.

We live in a society.

Wer hätte gedacht, dass man sich wenige Wochen nach dem Genuss des neuen Joker-Films selbst in einer nicht allzu unähnlichen Situation wiederfinden könnte? Ich jedenfalls nicht, als ich meinen Koffer, Rucksack, und eine kleine Umhängetasche packte, um in mein Auslandssemester in Barcelona zu starten. Letztere Tasche entsprang einer Eigenheit der Fluglinie meiner Wahl: das inkludierte Handgepäck ist viel zu klein um vernünftig etwas unterzubringen, es bleibt einem jedoch erhalten, wenn man für größeres Gepäck draufzahlt. Also nehme ich auch eine kleine, möglicherweise nicht ganz nötige Tasche mit, frei nach dem Motto des Liniengründers: „Ich hab‘ ja nix zu verschenken!“.

¿Viva España?

Aber zurück zum Thema: Während meine ersten Wochen in der katalanischen Hauptstadt von sommerlichem Sangría-Urlaubsfeeling geprägt waren, schlug der vierzehnte Oktober in dieser oft-bombardierten Stadt ein wie eine Granate. Wer erinnert sich noch an das katalanische Unabhängigkeits-Referendum aus dem Jahre 2017? Während dieses Thema von der internationalen Presse schon vor geraumer Zeit aus den Augen verloren wurde, gehört es hier immer noch zum Alltag. Die Straßen sind übersät mit Graffiti von gelben Schleifen – ähnlich den Symbolen für Bewusstsein gegen Brustkrebs oder AIDS – welche Solidarität mit den damaligen Organisatoren des Referendums bekunden. Besagte Organisatoren warteten seit 2017 auf ihren Prozess, einige davon in Haft, was uns zum nächst-beliebtesten Graffiti-Motiv bringt: der Spruch „Llibertat presos politics“ – „Freiheit für politische Gefangene“ in katalanischer Sprache. Diese Symbole sind nicht nur Ausdruck des Protests, sondern auch gute Indikatoren der Spaltung der spanischen Gesellschaft. Denn gefühlt jeder zweite Spruch ist durchgestrichen, und bei den gelben Schleifen werden genauso oft rote Enden ergänzt – um das Protestsymbol zur spanischen Flagge zu machen.

Grafitti Barcelona Absolucio
© Christian Bydlinski

Was aber ist jetzt genau an diesem schicksalshaften vierzehnten Oktober passiert? Das lang erwartete Urteil zum Referendum wurde publik gemacht. Schon in der Woche davor konnte ich die Entstehung eines Wandbildes an der Haupt-Kantine meiner Universität beobachten: Ein spanischer Richter streckt seinen Arm – Richterhammer haltend – in einer äußerst bekannten Geste gen Himmel, auf der anderen Seite hält er ein Buch mit der Aufschrift „Mein Konstitution 1978“, aus seinen Augenhöhlen blitzen uns statt Pupillen Hakenkreuze an. Doch dieses Graffito war nur ein Vorbote: Als das Urteil verkündet wurde, füllte sich der Hauptplatz meines Uni-Campus schlagartig mit Demonstranten.

Ciudad de Gotham

Dreizehn Jahre. So lange muss der vorige katalanische Vizepräsident Oriol Junqueras hinter Gitter. Insgesamt wurden neun der zwölf Angeklagten wegen Aufruhr zu Gefängnisstrafen verurteilt, allesamt zwischen neun und dreizehn Jahren. Für den Rest der Woche lief nicht nur auf der Uni nichts mehr geregelt ab. Der Großteil an Lehrveranstaltungen wurde wegen einem Studentenstreik abgesagt, und in der Stadt selbst wurden die wichtigsten Straßen und der Flughafen von Demonstranten blockiert. Natürlich hat es einen gewissen morbiden Charme, wenn man nach Einbruch der Dunkelheit an dem vorigen Schauplatz einer Demonstration vorbeikommt, alle brennenden Dinge auf der Straße zählt und sich wie in Gotham City fühlt.

© Christian Bydlinski

Ja, es ist auch nicht unlustig, dass die katalanische Polizei, die hart gegen Demonstranten vorgeht, als „Geschwaderjungs“ oder umgangssprachlich einfach nur „Jungs“ bezeichnet wird. Aber wenn eine deiner Kolleginnen in einer protestierenden Menschenmenge zum Sturz kommt und Angst hat totgetrampelt zu werden, oder ein weiterer Kollege davon erzählt, wie jemand neben ihm mehrere Zähne durch ein Gummigeschoss besagter Jungs verloren hat, sieht die Sache gleich anders aus.

Jedenfalls nahm ich diese Vorfälle zum Anlass, die Stadt für ein paar Tage zu verlassen, und flog mit Freunden nach Mallorca sobald der Flughafen wieder betriebsbereit war. Aber das ist eine andere Geschichte.

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